Sie sind hier
E-Book

Nietzsche

Eine philosophische Einführung (Reclams Universal-Bibliothek)

AutorGünter Figal
VerlagReclam Verlag
Erscheinungsjahr1999
Seitenanzahl296 Seiten
ISBN9783159503011
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis5,99 EUR
Günter Figal nähert sich dem Philosophen Nietzsche von außen, von seiner Biographie und von den Positionen her, die die Nachwelt ihm zugewiesen hat, um den Leser sodann behutsam, anregend und erhellend durch das Werk und den Nachlass zu führen, im Mittelpunkt immer Nietzsches Erfahrungen und Fragen, Gedanken und Bilder. Sein Buch ist eine Möglichkeit, ohne besondere Voraussetzungen mit Nietzsche bekannt zu werden.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

III. Dialektiker unter sich (S. 103-104)

1. »Das Problem der Wissenschaft selbst«

Im Jahr 1886, also vierzehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, bringt Nietzsche sein Tragödien-Buch noch einmal heraus, nun versehen mit dem einleitenden Versuch einer Selbstkritik. Ein »fragwürdiges« Buch sei es, »wunderlich« und »schlecht zugänglich« (KSA 1,11; GT, Versuch 1), »schlecht geschrieben, schwerfällig, peinlich, bilderwüthig und bilderwirrig« (KSA 1,14; GT, Versuch 1), beeinträchtigt durch die »schlechten Manieren des Wagnerianers« (KSA 1,15; GT, Versuch 3). Auch die Charakterisierung des Ganzen als »Artisten-Metaphysik « (KSA 1,13; GT, Versuch 2) ist nicht einfach neutral gemeint. Schon in seinem ersten Aphorismenbuch Menschliches, Allzumenschliches I (1878) hatte sich Nietzsche gegen die entsprechenden, auf Schopenhauer zurückgehenden Passagen seines Erstlings gewandt: der Gedanke, daß die »Traumbild-Welt des Künstlers« ein Modell für die »Erscheinungswelt« überhaupt sein könne, wird nun abgelehnt; die »metaphysische Voraussetzung «, nach der »unsere sichtbareWelt nur Erscheinung« ist, sei »falsch« (KSA 2,185; MA I,222): Es gibt, wie Nietzsche betonen möchte, »hinter« den Erscheinungen keine Weltsubstanz – kein »Ding an sich« namens »Wille«, und also keine von ihm strikt unterschiedenen Erscheinungen.

»Metaphysische« Reste dieser Art finden sich im Tragödien-Buch allerdings nicht sehr oft und sind mit seiner Kunstphilosophie außerdem nur schwer zu vereinbaren. Wie sollte etwa die Versicherung, daß der dionysische Künstler »gänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden« sei (KSA 1,43 f.; GT 5), neben dem Gedanken vom apollinisch vermittelten Charakter der dionysischen Kunst bestehen? Also mag die Selbstkritik gelegentlich zu streng sein und das Eigenständige, über Schopenhauer Hinausgehende vernachlässigen – unzweifelhaft artikuliert sie einen Bruch: Schopenhauer undWagner, die Leitbilder der frühen Basler Jahre, sind inzwischen problematisch geworden. Für Wagner gilt das besonders: Seine »Unbändigkeit, Maasslosigkeit« (KSA 7,758; N 1874, 32[15]) ist Nietzsche schon aufgefallen, als er noch die Eloge Richard Wagner in Bayreuth (1876) vorbereitete. Es sei »ein Glück, dass Wagner nicht auf einer höheren Stelle, als Edelmann, geboren« und »auf die politische Sphäre« verfallen sei (KSA 7,765; N 1874, 32[35]). Auch die problematischen Seiten der Wagnerschen Kunst sieht Nietzsche genau: etwa die »Gefahr der Affectmalerei« oder »das Berauschende, das Sinnliche Ekstatische, das Plötzliche, das Bewegtsein um jeden Preis – schreckliche Tendenzen! « (KSA 7,760; N 1874, 32[16]).

Wichtiger als der Abschied von den frühen Helden ist freilich die Neuorientierung. Auf sie kommt es Nietzsche an, wenn er kontrastierend die Befangenheit seines ersten Buches hervorhebt. Denn auch was ihn nun interessiert, läßt sich bis in die Tragödien-Schrift zurückverfolgen: Auf »eine Frage ersten Ranges und Reizes« sei er hier gestoßen, »noch dazu eine tief persönliche Frage« (KSA 1,11; GT, Versuch 1). Er habe damals »etwas Furchtbares und Gefährliches« zu fassen bekommen, »ein Problem mit Hörnern«, »ein neues Problem«.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Vorwort7
I. Von außen9
1. Seismographie9
2. Biographie18
3. Positionsbestimmungen33
II: Zeit und Sein und Kunst44
1. »Vom souverainen Werden«44
2. »Plastische Kraft«, »Kraft zu vergessen«52
3. »Kunstwelten«63
4. »Vermittelung des menschlichen Künstlers«77
III. Dialektiker unter sich103
1. »Das Problem der Wissenschaft selbst«103
2. »Monstrosität per defectum«108
3. »Abendröthe der Kunst«118
4. »Scheidung der Welt«133
5. »Neue Erfindung des vernünftigen Denkens«140
6. »Selbstzertheilung des Menschen«159
7. »Offnes Meer«172
IV. Leben der Erkenntnis181
1. »Über allen menschlichen Dingen«181
2. »Ich lehre euch den Übermenschen«200
3. »Nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht! «216
4. »Etwas Complicirtes«225
5. »Psychologie«236
6. »Kosmisch empfinden«245
7. »Du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft«254
Verzeichnis der Siglen281
Verzeichnis der zitierten Literatur285
Zum Autor294

Weitere E-Books zum Thema: Einführung - Religion - Philosophie

Freiburger Schule und Christliche Gesellschaftslehre

E-Book Freiburger Schule und Christliche Gesellschaftslehre
Joseph Kardinal Höffner und die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft - Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 59 Format: PDF

Die Wirtschafts- und Sozialethik von Joseph Kardinal Höffner (1906-1987) kann zu einem guten Teil aus ihren ordoliberalen Wurzeln erklärt und verstanden werden. Der vorliegende Band dokumentiert und…

Freiburger Schule und Christliche Gesellschaftslehre

E-Book Freiburger Schule und Christliche Gesellschaftslehre
Joseph Kardinal Höffner und die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft - Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 59 Format: PDF

Die Wirtschafts- und Sozialethik von Joseph Kardinal Höffner (1906-1987) kann zu einem guten Teil aus ihren ordoliberalen Wurzeln erklärt und verstanden werden. Der vorliegende Band dokumentiert und…

Islam - Säkularismus - Religionsrecht

E-Book Islam - Säkularismus - Religionsrecht
Aspekte und Gefährdungen der Religionsfreiheit Format: PDF

Seit Gründung der Bundesrepublik ist die religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft heterogener und konfliktreicher geworden: Zugenommen hat die Gruppe der Religionslosen, von denen einige aktiv für…

Inside Islam

E-Book Inside Islam
Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird Format: ePUB

Millionen Muslime leben unter uns, doch wir wissen fast nichts über sie. Wie viele Muslime gibt es eigentlich in Deutschland und wie und wo gehen sie ihrem Glauben nach? Constantin Schreiber hat sich…

Schleiermachers Staatslehre

E-Book Schleiermachers Staatslehre
- Beiträge zur historischen Theologie 164 Format: PDF

Schleiermacher hielt zwischen 1813 und 1833 fünf Vorlesungen zur Staatslehre an der neugegründeten Universität Berlin, in denen er die Preußischen Reformen unterstützte. Im Unterschied zu Hegels…

Islam - Säkularismus - Religionsrecht

E-Book Islam - Säkularismus - Religionsrecht
Aspekte und Gefährdungen der Religionsfreiheit Format: PDF

Seit Gründung der Bundesrepublik ist die religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft heterogener und konfliktreicher geworden: Zugenommen hat die Gruppe der Religionslosen, von denen einige aktiv für…

Schleiermachers Staatslehre

E-Book Schleiermachers Staatslehre
- Beiträge zur historischen Theologie 164 Format: PDF

Schleiermacher hielt zwischen 1813 und 1833 fünf Vorlesungen zur Staatslehre an der neugegründeten Universität Berlin, in denen er die Preußischen Reformen unterstützte. Im Unterschied zu Hegels…

Weitere Zeitschriften

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

Das Grundeigentum

Das Grundeigentum

Das Grundeigentum - Zeitschrift für die gesamte Grundstücks-, Haus- und Wohnungswirtschaft. Für jeden, der sich gründlich und aktuell informieren will. Zu allen Fragen rund um die Immobilie. Mit ...

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg) ist das offizielle Verbandsorgan des Württembergischen Landessportbund e.V. (WLSB) und Informationsmagazin für alle im Sport organisierten Mitglieder in Württemberg. ...

Deutsche Tennis Zeitung

Deutsche Tennis Zeitung

Die DTZ – Deutsche Tennis Zeitung bietet Informationen aus allen Bereichen der deutschen Tennisszene –sie präsentiert sportliche Highlights, analysiert Entwicklungen und erläutert ...

DGIP-intern

DGIP-intern

Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. (DGIP) für ihre Mitglieder Die Mitglieder der DGIP erhalten viermal jährlich das Mitteilungsblatt „DGIP-intern“ ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...