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E-Book

Abenteuer Südhalbkugel

Sechs Monate, sechs Länder, drei Kontinente

AutorTorsten Weigel
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783492975612
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Was kommt nach dem Studium und einer gescheiterten Beziehung? Erst mal eine Weltumrundung! Torsten Weigel möchte den Winter hinter sich lassen und möglichst weit weg von zu Hause herausfinden, was er mit seinem Leben anfangen will. Die nördliche Grenze seiner Reise bildet deshalb der südliche Wendekreis. Und frei wie ein Vogel, bevorzugt mithilfe der eigenen Muskelkraft lässt er sich treiben: besteigt Berge in Namibia, Südafrika und Lesotho, erkundet mit dem Seekajak Tasmaniens Wildnis und durchmisst auf dem Fahrrad Chile und Argentinien. Ein abenteuerlicher Trip, bei dem er nicht nur hautnah in fremde Kulturen vordringt sowie die Begegnung mit den Menschen sucht, sondern auch seine eigenen Grenzen neu definiert.

Torsten Weigel, Jahrgang 1988, lebt als freier Journalist und Fotograf in Berlin. Nach dem Geografiestudium hat der aktive Triathlet seine Leidenschaft, das Reisen und Erkunden abgelegener Regionen, zum Beruf gemacht. Über seine Abenteuer berichtet er in zahlreichen Artikeln, u.a. auf www.nationalgeographic.de, und auf Vorträgen. Nebenbei lässt er sich zum psychologischen Berater ausbilden.

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Leseprobe

Staubiger Auftakt

Spurensuche in Namibia

Geräuschlos öffnet sich die Flugzeugtür. Trockene, heiße Luft strömt in den Flieger und trifft mich wie ein Schlag. Natürlich weiß ich, dass ich vom Herbst geradewegs in den Sommer geflogen bin. Und natürlich ist mir bewusst, dass in Windhuk andere Temperaturen herrschen als in Berlin. Aber an 32 Grad Celsius um 20 Uhr muss ich mich erst noch gewöhnen.

Die Wärme kriecht mir unter die Haut, und bereits nach wenigen Minuten rinnen mir die ersten Schweißperlen von der Stirn. Ich sehne mich danach, meine Jeans gegen eine leichte Baumwollhose zu tauschen und mir den Pullover auszuziehen. Doch vorerst komme ich nicht dazu. Das Flughafenpersonal hat etwas anderes mit mir vor.

Unter dem grellen Licht der Vorfeldbeleuchtung laufe ich mit den anderen Passagieren über das Rollfeld. Es stehen an diesem Abend nur zwei andere Maschinen auf dem Flughafen. Überhaupt bin ich ein wenig überrascht. In großen Lettern prangt der Schriftzug »Hosea Kutako International Airport« weithin sichtbar über dem einzigen Terminal. Trotz des klangvollen Namens kommt jedoch kein internationales Flair auf. Namibias größter Flughafen fertigt im Jahr nicht einmal 800 000 Passagiere ab und ist kaum mehr als ein Betonstreifen in der Steppe. Ein paar Palmen wiegen sich leicht im Wind. Ab und an flattern Vögel kreischend durch die Luft. Ansonsten sehe ich nicht viel. Sogar die Beleuchtung der Landebahn wurde soeben ausgeschaltet. SA78 aus Johannesburg war der letzte Flug des Tages.

Dann wird die friedliche und verschlafene Atmosphäre unvermittelt gestört. Fünf Männer in weißen Kitteln stellen sich den Passagieren in den Weg. Eine Gruppe bewaffneter Polizisten fordert uns dazu auf, dass wir uns in eine Reihe stellen. Die Situation ist so surreal wie beunruhigend. Ich beobachte die Menschen und verhalte mich ruhig. In meinem Kopf kreisen die Gedanken. Was könnten die Männer wollen? Handelt es sich um eine Drogenkontrolle? Gibt es bestimmte Lebensmittel, die man nicht einführen darf? Im Geiste prüfe ich die Nahrungsmittel in meinem Handgepäck. Aber außer einem Apfel, einem labbrigen Brot und einem Stück Schokolade habe ich nichts dabei. Das sollte wohl in Ordnung sein.

Es stellt sich heraus, dass uns die Männer auf Symptome des Ebolavirus überprüfen wollen. Mit Laserpistolen messen Ärzte unsere Körpertemperatur. Außerdem muss ein Fragebogen ausgefüllt werden. »Hatten Sie in letzter Zeit hohes Fieber, Muskelschmerzen, Magenkrämpfe oder Durchfall?« Nein, nichts von dem trifft auf mich zu, und ich darf passieren. Erfreulicherweise hat auch mein Gepäck den Weg nach Namibia gefunden, und so stehe ich nach einem kurzen Stopp beim Zoll wenig später auf der Straße vor dem Terminal und atme tief durch. Jetzt bin ich hier. Das Abenteuer kann beginnen.

Eineinhalb Jahre habe ich geplant und auf den Tag des Abflugs hingearbeitet. Nach dem Ende meines Geografiestudiums und dem Scheitern einer langen Beziehung war der richtige Zeitpunkt gekommen, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Ich habe überlegt, was ich mit meinem Leben anstellen möchte, und mich für eine Weltreise entschieden.

Der Traum, einmal die Welt zu umrunden, spukte schon lange in meinem Kopf herum. Ich weiß nicht so recht, warum. Vielleicht wollte ich als Geograf einfach nur sichergehen, dass die Welt wirklich rund ist? Außerdem würde sich so die Chance ergeben, neue Länder kennenzulernen und spannende Menschen zu treffen.

Aus früheren Unternehmungen habe ich gelernt, dass ich der Reisetyp »Nomade« bin. Ich hocke ungern wochenlang an einem Ort. Ich will raus, mich weiterbewegen, frei sein und verschiedene Facetten eines Landes entdecken. Das Thema Bewegung sollte sich deshalb zu einem zentralen Element meiner Tour entwickeln. Mit ganz verschiedenen Fortbewegungsmitteln würde ich unterwegs sein und dabei immer wieder den körpereigenen Kräften vertrauen. Die Möglichkeit, mich von ausgetretenen Pfaden zu lösen und auf die Einheimischen zuzugehen – das war es, was mich von Beginn an reizte.

Nie im Leben hätte ich allerdings gedacht, dass es ein derart langer Weg von den ersten Träumereien bis zur Durchführung werden würde. Ein Knackpunkt war die genaue Route. Da ich den Reisebeginn für Oktober geplant hatte, nahm ich die Südhalbkugel ins Visier. Nichts gegen den Winter. Aber die Verlockung war groß, dem nasskalten und oft trüben Wetter meiner Heimatstadt Berlin zu entfliehen und dem Sommer hinterherzureisen. Ich suchte einen Weg, die Welt südlich des Äquators zu umrunden und dabei möglichst die Regionen zu meiden, die politisch allzu instabil waren oder von denen ein hohes medizinisches Risiko ausging. Da ich über weite Strecken allein unterwegs sein würde, wollte ich mich nicht unnötig in Gefahr begeben.

Der südliche Wendekreis kristallisierte sich als nördliche Begrenzung heraus. Namibia, Südafrika, Lesotho, Australien, Chile und Argentinien sollten demnach auf meinem Kurs liegen. Alles Staaten, die zahlreiche Möglichkeiten für Abenteuer fernab der Touristenströme bieten und für mich Neuland sein würden. Sechs Monate, sechs Länder. Das passte.

Als ich die grobe Route endlich ausgetüftelt hatte, tat sich eine neue Baustelle auf – die Logistik. Schließlich musste ich mich gleichermaßen auf Wüsten, Regenwälder und Hochgebirge einstellen. Als Fortbewegungsmittel wählte ich Auto, Flugzeug, Bahn, Kajak, meine Füße und das Fahrrad.

Je länger ich mich mit dem Projekt beschäftigte, desto mehr Fragen taten sich auf. Der Teufel steckte im Detail. Einige Freunde beobachteten den Prozess der Vorbereitung mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid. Wenn ich mal wieder übernächtigt zu einem Treffen erschien, durfte ich mir anhören, dass ich das Ganze doch lockerer sehen sollte. Aber genau das wollte ich nicht. Die Vorbereitung auf einen dreiwöchigen Strandurlaub ist nun einmal eine andere als die für eine halbjährige Weltumrundung mit Abschnitten, die an entlegene Orte führen und Expeditionscharakter besitzen. Ich wollte mich physisch und mental bestmöglich vorbereiten.

Es kam der Punkt, an dem ich die Ausrüstung mehrfach geprüft hatte. Ich hoffte, dass ich alles berücksichtigt hatte, und ging dennoch davon aus, irgendetwas übersehen zu haben. Nur selten gelingt die perfekte Planung – das wusste ich von meinen vergangenen Reisen.

Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die nicht an das Schicksal glaubt, sondern versucht, die Ereignisse mit wissenschaftlichen Fakten zu erklären. Umso komischer fühlte es sich an, als ich einen Tag vor meinem Abflug am Zelt einer Wahrsagerin vorbeikam. Ich ging natürlich nicht hinein. Im Rückblick frage ich mich allerdings, was wohl passiert wäre, wenn ich es doch getan hätte. Hätte mir die Frau sagen können, dass ich zwei entscheidende Details bei meiner Planung übersehen hatte? Scheinbare Kleinigkeiten, die mich später vor große Probleme stellen sollten?

Davon ahnte ich nichts, als ich in Berlin-Tegel eincheckte. Ich hievte meinen Rucksack auf die Waage und beobachtete, wie sich die Anzeige bei dreiundzwanzig Kilogramm einpendelte. Perfekt. Mit dem Flugticket in der Hand ging ich in Richtung Sicherheitskontrolle. Meine Mutter und zwei gute Freunde begleiteten mich.

»Halt dich wacker«, meinte Gerald und gab mir einen Klaps auf die Schulter. Er ergänzte grinsend: »Wir sehen uns dann im Februar in Chile.«

Katja drückte mich und sagte, ich solle auf mich aufpassen. Zur Vorsicht mahnte auch meine Mutter, die mich nicht zum ersten Mal ziehen lassen musste und wohl eine Mischung aus Stolz und Angst empfand. Schließlich hatte ich die Reiselust von ihr geerbt, was aber auch bedeutet, dass sie bestens über die Risiken Bescheid wusste, die eine solche Tour mit sich bringt. »Melde dich mal«, gab sie mir noch mit auf den Weg. Dann löste ich mich und trat meine Reise an. Ich mag Abschiede nicht besonders. Die Vorstellung, vertraute Menschen in der einen Sekunde zu umarmen und im nächsten Augenblick monatelang von ihnen getrennt zu sein, löst ein unbehagliches Gefühl in mir aus.

Ich ging zügig in Richtung Kontrolle. Noch ein Blick zurück, noch einmal winken. Dann bog ich um die Ecke und stand inmitten wildfremder Menschen. Fortan war ich auf mich allein gestellt. Nach Monaten der Vorbereitung und tagelangen Verabschiedungen stellte sich eine Mischung aus Leere, Vorfreude und Erleichterung ein. Über allem schwebte eine große Wolke der Müdigkeit. Auf der rund zwanzigstündigen Reise ins afrikanische Windhuk holte sich mein Körper dann das zurück, was er in den Vorwochen nur unzureichend bekommen hatte – Schlaf.

Die ersten Meter

Nach der langen Anreise und einer ersten Nacht auf afrikanischem Boden sitze ich am nächsten Morgen neben meinem Rucksack und breite die Landkarte aus. Ich betrachte die vielen Gelb-, Grau- und Ockertöne auf dem Papier. Sie markieren die großflächigen Wüsten, Halbwüsten und Steppenlandschaften des Landes und dominieren die Karte. Ich fahre mit meinem rechten Zeigefinger über die Sandflächen und folge der B1 nach Süden. Wie ein langer, dünner Asphaltfaden zerschneidet die Straße das Land. Beim Blick auf die Kilometerangaben wird mir einmal mehr klar, wie riesig Namibia ist. Der Staat, der im Westen vom Atlantik begrenzt wird, ist knapp zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland. Mir klingen die Worte des Taxifahrers im Ohr, der mich gestern vom Flughafen ins vierzig Kilometer entfernte Windhuk gebracht hat: »Achte immer auf deinen Benzinvorrat«, riet er mir. Noch zwei weitere Tipps hatte er parat: »Nimm genug Wasser mit und geh davon aus, dass die Einheimischen wie Verrückte...

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