Mann im KornblumenfeldInterview mit Wanderbuchautor Ingmar Bojes

Die Corona-Pandemie hat die Reisepläne der meisten Menschen zunichte gemacht. Statt Kreuzfahrt oder Fernreise steht für viele Urlaub zuhause, also „Staycation“, auf dem Programm. Für diejenigen, die den Teutoburger Wald vor der Haustür haben, ein Glücksfall und kein Rückschlag, meint Ingmar Bojes, Wanderblogger und Buchautor aus Osnabrück im Interview.

Herr Bojes, bei vielen Menschen sind in diesem Jahr die Urlaubspläne geplatzt. Bei Ihnen auch?

Ja, wir wollten im Mai für zwei Wochen ins Allgäu fahren und dort wandern. Da in Bayern die Ferienwohnungen noch keine Touristen beherbergen dürfen, steht auch bei uns Staycation an.

Sie können der Situation trotzdem etwas Positives abgewinnen?

Auf jeden Fall! Wir sind es schon so sehr gewohnt, im Urlaub in alle Ecken der Welt zu reisen, dass es uns vollkommen unwahrscheinlich vorkommt, dass wir selbst in einer vielfältigen und erlebenswerten Landschaft zuhause sind. Wer beispielsweise den Teutoburger Wald vor der Haustür hat, braucht nicht mehr als einen Rucksack, um hier zwei Wochen abzuschalten und einen traumhaften Urlaub zu erleben! Ich bin überzeugt, dass viele, die nun zuhause bleiben müssen, künftig öfter freiwillig zuhause bleiben werden, wenn sie jetzt ihre Heimat erkunden gehen.

Eine gewisse Affinität zum Wandern setzt das aber schon voraus?

Das schadet nicht, aber auch wer noch nie gewandert ist, sollte sich jetzt einen Ruck und einen Rucksack geben und sich auf den Weg machen. Wandern ist auf dem besten Weg vom Trendsport zur Volksbewegung. Und das aus guten Gründen. Wer wandert, erlebt die Natur und die Landschaft intensiver. Wanderer sind ohne Zeitdruck unterwegs, der Weg ist das Ziel. Viele Orte, die beispielsweise von alten Kulten oder der Erdgeschichte zeugen, können wir uns nur zu Fuß erschließen. Und das hilft uns dabei, unsere Umgebung, den Ort, an dem wir zuhause sind, besser zu verstehen. Das wiederum führt dazu, dass wir uns zuhause sogar nachhaltig wohler fühlen!

An welche Orte im Teutoburger Wald denken Sie dabei zum Beispiel?

An die großartigen Aussichten vom Velmerstot, an das wildromantische Furlbachtal bei Holte-Stukenbrock, an die Emsquellen oder an die vom Urmeer geformten Dörenther Klippen beispielsweise. Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Wir haben das große Glück, dass alle diese Orte inzwischen durch sehr gut markierte, modernen Ansprüchen gerechten Wanderwege erschlossen sind. Beispielsweise die Teutoschleifen im Tecklenburger Land oder die TERRA.tracks im Osnabrücker Land. Aber auch im südlicheren Teutoburger Wald und im Eggegebirge sind fantastische Wege entstanden. Auf dem Gebiet ist in den vergangenen Jahren unglaublich viel geleistet worden, wovon wir jetzt profitieren.

Also einfach loslaufen?

Das kann man machen und wird auch dann viel Schönes sehen und erleben. Ich empfehle aber, eine Wandertour ein wenig vorzubereiten. Wenn wir in den Urlaub fahren, machen wir uns auch vorher Gedanken, welches Ziel das richtige ist und was es vor Ort Sehenswertes gibt. Warum sollten wir zuhause erwarten, dass uns das alles von selbst in den Schoß fällt? Wer sich vorher informiert, hat viel mehr von einer Wanderung. Wenn ich weiß, welche Sage sich um die Hexenküche in Tecklenburg rankt oder welche ungelösten Geheimnisse die Externsteine bergen, erlebe ich diese Orte ganz anders und viel intensiver. Und natürlich sollte eine Wanderung auch immer zur eigenen Kondition passen.

Was empfehlen Sie Anfängern für die erste Tour?

Nicht zu ambitioniert starten, aber durchaus mit etwas Mut. Ein durchschnittlicher Sonntagsspaziergang dauert ca. eine Stunde. Da macht man gut und gerne vier bis fünf Kilometer. Das haben wir also drauf. Wer sich ein bisschen austesten will, startet mit acht oder zehn Kilometern. Wichtig ist, die Höhenmeter konditionell und zeitlich einzuplanen.

Was heißt das genau?

Als Faustregel gilt: 100 Höhenmeter entsprechen etwa einem Kilometer zusätzlicher Wegstrecke. Pro Stunde geht man – wenn man entspannt wandert und hin und wieder staunend stehen bleibt – rund vier Kilometer. Für eine Strecke von acht Kilometern mit 200 Höhenmetern sollte man also beispielsweise ca. 2,5 Stunden einplanen. Und dabei bedenken, dass Pausenzeiten obendrauf kommen. Und Pausen sind wichtig, wenn wir das Wandern nicht nur als sportliche Betätigung, sondern als Urlaubsaktivität zum Entspannen begreifen wollen. Nichts schmeckt besser als ein belegtes Brot, das ich gerade selbst auf einen Gipfel im Teutoburger Wald hochgetragen habe.

Wird das Wandern durch die Corona-Krise nochmal einen Popularitäts-Schub erleben?

Davon bin ich überzeugt. In den letzten Wochen habe ich so viele Mails und Anfragen nach Tourentipps per Mail und über meinen Blog www.wanderlogbuch.de erhalten wie noch nie. Auch die Besucherzahlen des Blogs sind in die Höhe geschossen. Ich glaube, es haben sich noch nie mehr Menschen dem Thema genähert als jetzt. Und den Allermeisten, da bin ich mir sicher, wird gefallen, was sie erleben.

Was lehrt uns die Krise?

Dass weniger manchmal eben doch mehr ist. Dass wir das Glück haben, in einer abwechslungsreichen, noch viel von Natur geprägten Landschaft zu leben. Und dass es wichtig ist, damit wertschätzend umzugehen. Zumindest erhoffe ich mir das.

Ingmar Bojes wurde 1977 in Lohne (Oldenburg) geboren und lebt seit 1998 in Osnabrück am Fuße des Teutoburger Waldes. Auf seinem Blog www.wanderlogbuch.de berichtet er regelmäßig von seinen Touren im Teutoburger Wald und anderen Regionen. Im April dieses Jahres ist sein Wanderführer „Teutoburger Wald. Wanderungen für die Seele“ im Droste Verlag erschienen.

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